Zurück zu Menschen in Not

„Man muss ein bisschen verrückt sein“: Ehepaar gab Jobs auf – um den Armen zu helfen

09.05.2014 | Andrea Uhrig

Essen, Kleidung, Schul-Utensilien: Horst und Sabine Schmiele unterstützen mit ihrem Verein „Menschen helfen Menschen in und um Berlin“ seit fast 10 Jahren bedürftige Familien. Der Verein wächst ständig, deshalb suchen die Helfer Lagerräume.

Menschen helfen Menschen, Berlin. Foto: Kai von Kotze/immowelt.de
Horst und Sabine Schmiele haben vor 10 Jahren ihre Jobs aufgegeben und einen Verein gegründet. Heute unterstützen sie mit "Menschen helfen Menschen" mehr als 5000 bedürftigen Familien in und um Berlin. Foto: Kai von Kotze/immowelt.de Foto: Kai von Kotze/immowelt.de

Dass viel Arbeit auf sie zukommt, hatten sich Horst und Sabine Schmiele schon gedacht, als sie vor knapp 10 Jahren den Verein „Menschen helfen Menschen in und um Berlin“ gründeten. „Aber es hat uns förmlich überrollt.“ Was als erste mobile Lebensmittelausgabe in Berlin startete, unterstützt inzwischen über 5.000 Berliner Familien regelmäßig mit frischem Obst, Gemüse und Brot, vermittelt Kleidung, Möbel und Schulutensilien. Um helfen zu können, gab das Ehepaar seine ursprünglichen Berufe auf – und widmet sich mit viel Hingabe der neuen Aufgabe. Der Verein wächst und wächst. Deshalb brauchen die Helfer jetzt Hilfe. Über die immowelt.de-Initiative „Verändere Deine Stadt“ hoffen sie, Lagerräume im Wedding zu finden.

Wenn es nach den Schmieles geht, könnte der Tag 48 Stunden haben. Von früh bis spät sind der 62-Jährige und seine Frau auf den Beinen, organisieren Spenden, erledigen Büroarbeiten, teilen die inzwischen bis zu 40 Helfer ein und packen mit an, wo gerade jemand fehlt. An drei Tagen pro Woche steht die elegant gekleidete Sabine Schmiele in der Küche des Vereinssitzes in der Wollankstraße 58 und kocht für die gesamte Mannschaft. „Man muss schon ein bisschen verrückt sein, wenn man so was macht“, sagt sie, während sie die Gurken schält. „Ich vermisse meine Enkel, unser Familienleben leidet – aber wenn man sieht, dass man Menschen glücklich macht, dann ist es wie eine Sucht.“

Menschen helfen Menschen, Berlin. Kai von Kotze/immowelt.de
Die mobile Essenausgabe am Franz-Neumann-Platz in Berlin. Geduldig stehen die Bedürftigen für frische Lebensmittel Schlange. Pro Essenstüte wird ein symbolischer Obulus von 1,50 Euro verlangt. Foto: Kai von Kotze/immowelt.de Kai von Kotze/immowelt.de

Erste mobile Essensausgabe Berlins

Sabine Schmiele hatte vor zehn Jahren die Idee für die mobile Essensausgabe. Als Ehrenamtliche hatte die Malerin bei der Berliner Tafel mitgeholfen, die zu diesem Zeitpunkt nur feste Institutionen belieferte. Als ihr Mann seinen Job als Vorarbeiter im Trockenbau verlor, beschlossen die beiden, ihre Berufe an den Nagel zu hängen und selbst zu helfen. „Wir wollten die Kinder von einkommensschwachen Familien unterstützen.“ Davon gibt es viele in der Landeshauptstadt: 200.000 Jungen und Mädchen – jedes 3. Kind – leben laut Deutschem Kinderschutzbund unterhalb der Armutsgrenze. „Dabei sind die Kleinen unsere Zukunft. Ich möchte mithelfen, sie gut und sicher auf den Weg zu bringen“, sagt die 57-Jährige. Nach dem Motto: „Handeln nicht nur reden“ packte das Paar seine neu gesuchte Aufgabe an.

Über das Raumgesuch von "Menschen helfen Menschen" können Sie Horst und Sabine Schmiele direkt kontaktieren. Dafür einfach auf den Button "Passenden Raum anbieten" klicken, sich kurz anmelden und Nachricht schreiben.


Waren es 2004 noch 350 Haushalte, die versorgt wurden, hatte sich die Zahl bis 2010 schon verelffacht. Heute gibt es über 5.300 gelistete Familien, die – wenn sie ihren Berlin-Pass, Sozial- oder ALG-Bescheid vorlegen – Lebensmittel bekommen. 2150 Männer und Frauen, junge und alte Menschen, Mütter und Alleinerziehende kommen regelmäßig zu den vier Ausgabestellen. Mit ihren Einkaufstrolleys stellen sie sich geduldig in der Schlange an, packen Tüten mit frischem Obst und Gemüse ein, freuen sich über Jogurt, Brot, Kräuter und sogar Blumensträuße und Spargel. „Eine Tüte wiegt im Schnitt 7,5 Kilo, wir nehmen pro Stück einen Obulus von 1,50 Euro“, erklärt der Vereinsgründer, „damit passen wir uns den Gegebenheiten der ,Laib und Seele‘- Stellen der Berliner Tafel an.“

„Es ist eine wunderbare Einrichtung“, freut sich eine Mutter, die jeden Mittwoch zum Franz-Neumann-Platz in Reinickendorf kommt, um sich, ihre pflegebedürfte Mutter und ihren Sohn über die Runden zu bekommen. Ihr Mann hatte sie verlassen, zahlt keinen Unterhalt, wegen ihrer kranken Mutter kann sie nicht arbeiten. „Es ist unglaublich, wie schnell man in die Armut rutscht. Das hier ist ein echter Lichtblick. Und da sind sogar Blumen dabei, die wären sonst niemals drin.“

Menschen helfen Menschen, Berlin. Foto: Kai von Kotze/immowelt.de
Im Vereinsheim in der Wollankstraße werden pro Monat 32 Tonnen Lebensmittel in Tüten verpackt. Insgesamt rund 40 Mitarbeiter helfen bei der Abholung, Sortierung und Ausgabe der Lebensmittel. Außerdem kümmern sie sich um den Kleiderladen sowie die Mappi-Station. Foto: Kai von Kotze/immowelt.de Foto: Kai von Kotze/immowelt.de

32 Tonnen Lebensmittel pro Monat für Bedürftige

Insgesamt werden von „Menschen helfen Menschen“ pro Monat 32 Tonnen Lebensmittel  sortiert in Tüten verpackt – die Paprika, Gurken, Äpfel, Tomaten und Champions würden sonst von den Supermärkten entsorgt werden. 600 Kilometer pro Woche kurven die Helfer durch die Stadt, um die Waren vor dem Müllcontainer zu retten und bringen sie dann in den Wedding ins Vereinsheim.

Dort geht es zu wie in einem Bienenstock: Während hinten die essbaren Spenden sortiert werden, stöbern Bedürftige durch den vorderen Teil der ehemaligen Markthalle. An den Wänden lehnen Schrankelemente und Spiegel, daneben stehen Schreibtischstühle, eine Waschmaschine, Lattenroste und Lampen. „Alles Sachen, die uns gebracht werden oder die wir auf Wunsch abholen“, erklärt Horst Schmiele. Im Kleiderladen stapeln sich Hosen, Jacken, Mäntel, Schuhe in allen Größen ordentlich in den Regalen. Gegen einen kleinen Obulus gibt es auch Bettwäsche, Babyzubehör und Spielsachen. Für Schulkinder haben die Schmieles noch eine Mappi-Station eingerichtet. Hier ist fast alles neu: Ranzen, Stifte, Hefte, Füller – gesponsert von Herlitz und anderen namhaften Herstellern. Einmal im Quartal darf hier jedes Kind zugreifen.

Viele Aufgaben, viel Arbeit für die Schmieles und ihre Helfer, fast alles 1-Euro-Jobber sowie einige Ehrenamtliche. Dabei weiß das Ehepaar oft selbst nicht, wie es über die Runden kommen soll. Denn der Verein lebt ausschließlich von Spenden und dem Geld, das durch Lebensmittel, Kleider und Möbel eingenommen wird. Allein die Miete kostet 1.145 Euro, dazu kommen Energiekosten, Benzin und der Unterhalt der Autos. „Manchmal weiß ich selber nicht, warum wir uns das antun. Aber wir können einfach nicht anders.“ Auch wenn er kurz vor dem Rentenalter ist – ans Aufhören denkt der inzwischen ergraute Horst Schmiele nicht: „Das ist unser Lebenswerk, hier wird man mich raustragen müssen“, sagt er, „ich hoffe, dass sich jemand findet, der genauso verrückt ist wie wir und weitermacht.“

Menschen helfen Menschen: das soziale Zentrum in Berlin

Menschen helfen Menschen, Berlin. Fotos: Kai von Kotze/immowelt.de
Horst und Sabine Schmiele vor ihrem "Lebenswerk", dem Vereinssitz in der Wollankstraße. In Eigenregie haben die Vereinsgründer die 540 Quadratmeter große Halle renoviert und 50.000 Euro investiert. Für die rund 40 Mitarbeiter kocht Sabine Schmiele jede Woche dreimal Mittagessen. Fotos: Kai von Kotze/immowelt.de Fotos: Kai von Kotze/immowelt.de
Menschen helfen Menschen, Berlin. Foto: Kai von Kotze/immowelt.de
Die ehemalige Markthalle im Berliner Wedding ist heute das Zuhause für das soziale Zentrum "Menschen helfen Menschen in und um Berlin" und beherbergt außerdem die zwei weiteren Standbeine des Vereins "Kleiderkiste" und die "Mappi-Station" für Schüler. Foto: Kai von Kotze/immowelt.de Foto: Kai von Kotze/immowelt.de
Menschen helfen Menschen, Berlin. Fotos: Kai von Kotze/immowelt.de
In der "Mappi-Station" können sich Kinder aus bedürftigen Familien einmal im Quartal mit Schulmaterialien eindecken. Gesponsort werden die Utensilien von namhaften Herstellern wie Herlitz und McNeill. Fotos: Kai von Kotze/immowelt.de Fotos: Kai von Kotze/immowelt.de
Menschen helfen Menschen, Berlin. Foto: Kai von Kotze/immowelt.de
In der Kleiderkiste werden gespendete Klamotten und Kinderspielzeug günstig verkauft. Obdachlose dürfen sich umsonst bedienen. Auch Bücher, CDs, Handtaschen und Baby-Utensilien finden hier einen neuen Besitzer. Foto: Kai von Kotze/immowelt.de Foto: Kai von Kotze/immowelt.de

 

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