Zurück zu Menschen in Not

Obdachloser Beamter: Seit drei Jahren lebt Christoph (50) versteckt im Wald

17.09.2015 | Andrea Uhrig

Christoph ist obdachlos. Er ist einer von weit über 2.000 Menschen, die in Berlin ohne Wohnung leben. Doch der 50-Jährige ist anders als die meisten: Er ist Beamter, hat ein monatliches Einkommen. Trotzdem lebt er seit drei Jahren versteckt in einem Wäldchen in Wedding: Nachdem er an seiner Arbeitsstelle gemobbt worden war, hatte er sich immer mehr zurückgezogen. Endstation Zelt. Jetzt will er endlich raus aus der Isolation – über die immowelt.de-Initiative „Verändere Deine Stadt“ sucht er einen Vermieter mit Herz.

Christoph verzieht das Gesicht und sagt mit energischer Stimme: „Es reicht, ich hab genug gebüßt!“ Um seine Aussage zu unterstreichen, lässt der hagere Mann seine Hand mit der Kante voran wie ein Fallbeil nach unten sausen. Der 50-Jährige will einen Schnitt machen und endlich wieder ein neues Leben beginnen. Doch das ist nicht so einfach: Seit drei Jahren lebt der Frühpensionär mit seinem kleinen Terriermischling Lotos versteckt in einem Berliner Wäldchen unter einer Tanne – obwohl er eigentlich genug Einkommen hätte, um sich eine kleine Wohnung zu leisten, ist er obdachlos.

Verändere Deine Stadt, Berlin: Beamter wohnt im Zelt. Foto: immowelt.de
Ein kleines Zwei-Mann-Zelt ist nach einer Zwangsräumung vor drei Jahren das Zuhause von Christopher aus Berlin: Der Verwaltungsbeamte hat eigentlich eine Pension 1.130 Euro und findet trotzdem keine Wohnung. Foto: immowelt.de Foto: Willi Liedigk

„Ich hab‘ mich doof angestellt“

Während Christoph erzählt, hört man ein paar Meter weiter Jogger vorbeilaufen, Mütter rufen ihren Kindern hinterher. Der Mann mit dem Dreitagebart vor dem grünen Billigzelt würde gern wieder zurück in das normale Leben, er will sich nicht mehr verstecken. Doch das ist nicht so einfach nach drei Jahren Isolation. Die Abwärtsspirale begann sich vor vier Jahren zu drehen. Damals war Christoph Verwaltungsbeamter. Er wurde von den Kollegen gemobbt, bekam psychische Probleme und zog sich immer mehr zurück. „Ich hatte auch keine Freunde, sonst wäre das vielleicht gar nicht passiert.“ Nach immer längeren Krankheitsphasen beantragte sein Dienstherr die Frühpensionierung. Ab diesem Zeitpunkt hatte Christoph zwar monatlich noch 1.130 Euro zum Leben – verlor aber komplett den Halt.

Der Berliner igelte sich immer mehr zuhause ein, öffnete keine Briefe, Rechnungen blieben unbezahlt. „Ich hab‘ mich doof angestellt“, gibt Christoph unumwunden zu. Er habe sich nicht „erwachsenengerecht verhalten, sondern eher kindlich“, erklärt der Einsiedler rückblickend. Dass die Miete wegen nicht ausreichender Deckung seines Kontos nicht überwiesen worden war, habe er erst gar nicht registriert. Unausweichliche Konsequenz: eine Räumung. Christopher lagerte noch ein paar Habseligkeiten in einem Container in Tegel ein, dann verließ er im Morgengrauen die Wohnung: „Weil ich mir das mit Gerichtsvollzieher und Möbelpackern nicht antun wollte, bin ich einfach gegangen.“

Verändere Deine Stadt, Berlin: Obdachloser Beamter mit seinem Hund. Foto: immowelt.de
Treuer Begleiter durch die Einsamkeit: Mischlingshund Lotos ist immer an der Seite seines Herrchens, er ist sein einziger Freund. Der wegen Krankheit frühpensionierte Beamte würde gern endlich wieder zurück ins normale Leben. Foto: immowelt.de Foto: immowelt.de

Geschieden, kinderlos, ohne Freunde

In welche Situation er sich gebracht hatte, fiel ihm erst auf, als ihn Lotos am Abend mit den dunklen Kulleraugen anblickte: „So als wollte er sagen: Warum gehen wir nicht nach Hause? Man sah ihm an, dass er nicht verstanden hatte, was los ist. Das tat richtig weh.“ Christoph, geschieden, kinderlos und ohne soziale Kontakte, baute das kleine grüne Zelt auf, das er mitgenommen hatte, rollte die Isomatte aus und legte sich hinein.

Seit drei Jahren lebt der 1,88-Meter-Mann nun so, bei Gluthitze im Sommer wie auch bei minus 16 Grad im Winter. Nachrichten liest er in den Zeitungen, die die Menschen im Park wegwerfen, Geld holt er sich am Bankschalter von seinem Sparkassenkonto und zum Zeitvertreib schreibt er Tagebuch. Er trinkt keinen Alkohol, dafür viel Kakao. Frisches Fleisch kauft er meist nur für Lotos, seinen treuen Begleiter. Von seiner Rente, die ihm als Beamter monatlich zusteht und die auf sein Konto überwiesen wird, könnte er natürlich auch Miete zahlen. Außerdem hat er sich genug zurückgelegt, um Provision und Kaution zahlen zu können.

„Die Vorstellung, dass das hier bis an mein Lebensende weitergehen würde, würde mich kaputtmachen“, sagt Christoph mit einem bitteren Unterton. Ihm reicht es, dauernd im Dreck zu leben, mit der permanenten Angst beklaut zu werden – was regelmäßig passiert, wenn er sein Zelt verlässt. „Ich finde, drei Jahre obdachlos zu sein, ist genug Buße dafür, dass ich mich nicht erwachsenengerecht verhalten habe.“ Doch da er keine Bescheinigung über Mietschuldenfreiheit vorlegen kann, lehnten ihn bislang alle Vermieter ab. 

Nun hofft der Obdachlose über „Verändere Deine Stadt“ endlich eine kleine Wohnung zu finden, „in der ich in Frieden leben kann“. 350 Euro im Monat darf das Apartment kosten. „Vielleicht finde ich auch noch einen Nebenjob, um meine Pension aufzubessern“, hofft der Beamte. Eine der ersten Anschaffungen wäre wahrscheinlich ein Fernseher – damit er endlich wieder Bundesliga und Champions League gucken kann.

Verändere Deine Stadt, Berlin: Christophers Zelt im Park. Foto: immowelt.de
Immer wieder kommen Einbrecher und plündern das Zelt von Christopher, wenn er beim Einkaufen oder auf der Bank ist. Viel können sie nicht finden: Er hat nur wenige Habseligkeiten dort aufbewahrt. Ein paar Möbel und Werkzeuge lagern in einem Container, den er gemietet. Foto: immowelt.de Foto: immowelt.de

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