Zurück zu Menschen in Not

10.000 Kilometer Flucht ohne Eltern: Somalische Teenager suchen ein Zuhause

05.06.2015 | Andrea Uhrig

Er lief um sein Leben. Wie viele Kilometer, das kann Ridwan nicht mehr sagen. Die einzige Reise seines Lebens war die Flucht vor dem sicheren Tod. Sie dauerte über ein Jahr. Seit Februar 2014 ist der junge Somali in Deutschland – allein, ohne seine Familie. Zusammen mit seinem Leidensgenossen Ahmed sucht der 18-Jährige nun über die immowelt.de-Initiative „Verändere Deine Stadt“ eine kleine Wohnung.

Verändere Deine Stadt: Ridwan aus Somalia. Foto: Nadine Hackemer/immowelt.de
Ridwan strahlt in die Kamera – doch wenn er auf die monatelange Flucht angesprochen wird, verschwindet das Lachen sofort. Zu bedrückend sind die Erinnerungen. Der 18-Jährige hat Heimweh, sein größter Wunsch ist es, seine Mutter wiederzusehen – doch die ist Tausende von Kilometern entfernt, lebt in Mogadischu. Foto: Nadine Hackemer/immowelt.de Foto: Nadine Hackemer/immowelt.de

Somalia gilt als eines der ärmsten und unterentwickeltsten Länder der Erde. „Es ist ein sehr korrupter Staat“, sagt Ridwan. Seit über 20 Jahren herrscht Bürgerkrieg, der Staat versinkt im Chaos. Mangelernährung und Infektionskrankheiten sind verbreitet, die Lebenserwartung liegt mit knapp 50 Jahren rund 30 Jahre unter der in Deutschland. Doch das alles war kein Grund für Ridwan, seine Heimat und vor allem seine Familie zu verlassen. Als ihn aber die Al-Shabaab Milizen rekrutieren wollten, blieb dem Schüler nur die Wahl: selber töten, getötet werden – oder flüchten. Denn wer sich der islamistischen Terrorgruppe nicht anschließt, wird zum Gejagten.

Ridwan wusste, dass ihn die radikalen Kämpfer überall finden würden. Im Dezember 2012 verließ der schmächtige Teenager, damals 16 Jahre, Hals über Kopf seine Eltern, seine Geschwister, sein Zuhause. Seine Mutter hatte ihm Geld gegeben, um die Schlepper zu bezahlen, mit denen er an den jeweiligen Grenzen Kontakt aufnehmen musste. Mehr als 10.000 Kilometer lagen vor Ridwan, dem fußballbegeisterten Teenager. Ohne Eltern, ohne Kontaktperson, nur mit der nackten Angst ums Überleben.

„Die meiste Zeit sind wir gelaufen“

Ridwans Flucht nach Deutschland. Karte: Google Maps
Ridwan lief die 10.000 Kilometer-Strecke von Mogadischu bis nach Nürnberg meistens zu Fuß – immer nachts, um bei Tage nicht gefasst zu werden. Karte: Google Maps Karte: Google Maps

Einen Teil der Strecke saß Ridwan mit anderen Flüchtlingen im Laster eingepfercht. „Aber die meiste Zeit sind wir gelaufen, immer nachts, tagsüber haben wir uns versteckt“, schildert der junge Mann die gefährliche Flucht, die ihn unter anderem durch Kenia, Äthiopien, Iran, Türkei, Griechenland und Italien führte. Mehrfach wurde der Schüler gefasst und inhaftiert. Was genau passiert ist, darüber möchte er nicht sprechen.

Nach über einem Jahr endete die strapaziöse Odyssee im Erstaufnahmelager Zirndorf, danach wurde Ridwan mit anderen Jugendlichen in Nürnberg untergebracht. Für den zurückhaltenden Somali eine komplett neue Welt,  in der man tagsüber keine Schüsse hört und niemand mit Maschinenpistolen durch die Straßen läuft. Eine Welt, in der man sich ohne Bedrohung bewegen kann, in der die Züge unterirdisch und sogar ohne Fahrer unterwegs und die Regale in den Supermärkten immer voll sind.

Verändere Deine Stadt, Nürnberg: Flüchtlinge Ridwan und Ahmed. Foto: Nadine Hackemer/immowelt.de
Wohnung gesucht: Die fußballbegeisterten Teenager Ridwan (l.) und Ahmed wollen in einer WG zusammenziehen. Die beiden haben viele Gemeinsamkeiten: Sie stammen aus Somalia und sie mussten in ihrer Heimat alles zurücklassen. Als 16-Jährige flohen sie mutterseelenallein vor dem Terror, von dem sie ein Teil werden sollten. Nürnberg ist ihre neue Heimat – auch wenn beide furchtbar Heimweh haben. Foto: Nadine Hackemer/immowelt.de Foto: Nadine Hackemer/immowelt.de

Das alte Hobby in der neuen Heimat: Fußball

Verändere Deine Stadt, Nürnberg: Ahmed, Ridwan und ihre Betreuer am Kicker. Foto: Nadine Hackemer/immowelt.de
Teamgeist am Kicker: Die Betreuer Daniel Boeder (r.) und Hanjo Purrucker helfen den Flüchtlingen nicht nur in Fragen des Alltags sondern spielen auch mal gern eine Runde Fußball mit. Für die jungen Männer, die als Teenager allein und ohne Eltern die lebensgefährliche Flucht aus Somalia angetreten haben, sind die Sozialpädagogen des Vereins vsj die wichtigsten Ansprechpartner – und ein kleines bisschen Eltern-Ersatz. Foto: Nadine Hackemer/immowelt.de Foto: Nadine Hackemer/immowelt.de

Derzeit wohnt der 18-Jährige mit dem strahlenden Lächeln noch in einer Wohnung des Vereins für sozialpädagogische Jugendbetreuung e.V. (vsj). Er geht zwar noch zur Schule, weiß aber schon, dass er später Automechaniker werden möchte. Dafür paukt er fleißig Deutsch. Nachmittags stürmt der Arsenal London-Fan als Rechtsaußen für die A-Jugend des Tuspo Nürnberg. Das alte Hobby – in seiner Heimat durch die Milizen verboten – ist ihm geblieben. Es ist ein bisschen Zuhause in der Fremde.

Verändere Deine Stadt, Nürnberg: Ahmed (l.) und Ridwan in der Küche. Foto: Nadine Hackemer/immowelt.de
Kochen, putzen – und zurück ins Leben finden: In einer kleinen Wohngemeinschaft wollen Achmed (l.) und Ridwan gemeinsam den nächsten Schritt in die Selbständigkeit wagen. Bislang wohnen die beiden noch in einer vom Verein für sozialpädagogische Jugendbetreuung angemieteten Wohnung. Foto: Nadine Hackemer/immowelt.de Foto: Nadine Hackemer/immowelt.de

Mit seinem gleichaltrigen Freund Ahmed, der sich ebenfalls allein auf die lebensgefährliche Flucht aus Somalia gemacht hat, möchte Ridwan nun in einer Zwei- oder Drei-Zimmerwohnung zusammenziehen. Über die immowelt.de-Initiative „Verändere Deine Stadt“ hoffen die Betreuer, etwas Passendes für die beiden zu finden, damit sie sich noch besser integrieren können. Um die Übernahme der Mietkosten kümmert sich der vsj, die Betreuer werden die beiden Freunde weiterhin regelmäßig unterstützen und sie beim Start ins selbständige Leben begleiten.

Eine schwere Aufgabe, wenn das Heimweh einen plagt und die Sehnsucht nach der Familie, dem vertrauten Essen und der alten Umgebung manchmal fast unerträglich ist. Ridwans Traum vom Frieden ist wahr geworden, doch der Preis dafür ist hoch. Wenn man ihn nach seinen Wünschen fragt, dann hat er nur einen: „Ich möchte gern Mama sehen“, sagt er leise und starrt auf den Boden. Ahmed fügt hinzu: „Das geht mir auch so“.

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