Neue Wohnungsnot in den Metropolen: Knapp die Hälfte der Haushalte kämpft um 10 Prozent der Wohnungen

Trotz Bauboom: Günstiger Wohnraum ist in Deutschland Mangelware. Knapp die Hälfte der Haushalte in den Metropolen kämpft um rund zehn Prozent der Wohnungen, die auf immowelt.de und immonet.de – zwei der drei führenden Immobilienportale Deutschlands – angeboten werden. Das ist das Ergebnis einer Immowelt-Studie.

Immer mehr Menschen ziehen in die attraktiven Großstädte – dort herrscht aber ein Mangel an günstigem Wohnraum. Grafik: immowelt.de

Die Bauindustrie in Deutschland boomt wie seit Jahrzehnten nicht mehr: Im Jahr 2014 wurden nach Angaben des Statistischen Bundesamtes rund 245.300 Wohnungen fertiggestellt – 14,2 Prozent mehr als im Vorjahr. Damit sind die Wohnungsfertigstellungen zum vierten Mal in Folge kräftig gestiegen. Menschen mit wenig Einkommen finden dennoch kaum bezahlbare Wohnungen. Der Grund: In Ballungsräumen und Universitätsstädten – also dort, wo Wohnraum am dringendsten benötigt wird – entstehen überwiegend hochpreisige Neubauten. Und so haben Geringverdiener, Alleinerziehende, Studenten, Hartz-IV- und Sozialhilfeempfänger nach wie vor auf dem freien Wohnungsmarkt kaum eine Chance.

Immowelt.de und immonet.de – zwei der drei führenden Immobilienportale Deutschlands – haben in acht ausgewählten Großstädten analysiert, wie viele Wohnungen in den ersten drei Quartalen 2015 im unteren Preissegment inseriert waren. Als Grundlage für die Berechnung wurden die jeweiligen Mietobergrenzen (nach Vorgaben des Sozialgesetzbuches) der Kommunen genommen. Das Ergebnis ist ernüchternd: Die Zahl der Haushalte mit geringem Einkommen übersteigt das Angebot an preisgünstigen Wohnungen um ein Vielfaches.

Haushalte mit geringem Einkommen versus bezahlbarer Wohnraum: Größte Diskrepanz herrscht in der Hauptstadt

Deutlich ist das Missverhältnis in Berlin. 55 Prozent der Haushalte hätten dort nach Angaben der Stadt grundsätzlich Anspruch auf einen Wohnberechtigungsschein – doch maximal 7,3 Prozent der auf immowelt.de und immonet.de angebotenen Wohnungen in Berlin liegen unter der nach Vorgaben des Sozialgesetzbuches (SGB) angemessenen Mietobergrenze. Mehr als 90 Prozent der inserierten Wohnungen sind also in Berlin für Menschen mit geringem Einkommen nicht bezahlbar.

Günstiger Wohnraum ist auch in Nürnberg, Hamburg und Köln Mangelware: Der Anteil der Haushalte, die grundsätzlich Anspruch auf einen Wohnberechtigungsschein hätten, liegt in den drei Städten bei rund 40 Prozent. Demgegenüber stehen in Hamburg gerade mal 7,7 Prozent inserierte günstige Wohnungen. In Köln waren es maximal 7,5 und in Nürnberg sogar nur 6,5 Prozent.

Die Städte Frankfurt am Main, München und Stuttgart machten keine Angaben, wie viele Haushalte grundsätzlich Anspruch auf einen Wohnberechtigungsschein hätten. Allerdings ist davon auszugehen, dass die Quote dort ähnlich hoch liegt wie in den anderen untersuchten Metropolen. Während in Stuttgart 15,1 Prozent der auf immowelt.de und immonet.de inserierten Wohnungen im unteren Preissegment lagen, waren es in München 11,5 Prozent und in Frankfurt am Main maximal 8,7 Prozent. 

Anders sieht es nur in Dresden aus. In der sächsischen Landeshauptstadt haben 22 Prozent der Haushalte Anspruch auf einen Wohnberechtigungsschein – im Gegenzug kann aber gut die Hälfte aller inserierten Wohnungen dem günstigen Preissegment zugeordnet werden.


In Zukunft wird sich an dieser Situation wahrscheinlich nicht viel ändern – im Gegenteil: Verstärkter Zuzug, steigende Armut, hohe Bau- und Sanierungskosten sowie die Flüchtlingswelle werden die Situation verschärfen. Besonders in Ballungsgebieten wird die Wohnungsnot im preisgünstigen Segment in den nächsten Jahren weiter steigen.

Drei Gründe für die Wohnungsnot:

Zuzug: Aufgrund von Arbeit, qualifizierter Ausbildung und kultureller Vielfalt zieht es immer mehr Menschen in die attraktiven Großstädte.

Armutswelle: Es gibt immer mehr Menschen mit geringem Einkommen. Der Paritätische Wohlfahrtsverband spricht in seinem aktuellen Armutsbericht von einem Rekordhoch der Armutsquote. 

Investoren wollen verdienen: Der Bau von günstigen Wohnungen lohnt sich für viele Investoren nicht mehr. Für sie sind Wohnungen mit Mieten unter zehn Euro kaum noch profitabel. Grund sind die gestiegenen Grundstücks- und Baukosten, strengere Energieeffizienz-Vorschriften und zu wenig finanzielle Anreize durch Wohnraumförderung.

Alltag in den Metropolen: Für eine günstige Bleibe stehen die Bewerber Schlange. Grafik: immowelt.de



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